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Es gibt kein Anlass zur Entspannung. Die aktuelle PISA–Studie verdeutlicht das Gefälle in unserer Gesellschaft.

Pressemitteilung vom 4. Dezember 2013

Deutschland liegt in der neuen PISA-Studie über dem Durchschnitt. Diese Aussage klingt zunächst einmal positiv. Doch die nähere Betrachtung der aktuellen Ergebnisse unterstreicht die seit Jahren bestehenden Zusammenhänge der Bildung mit der Herkunft in Deutschland. „Der Schulerfolg in Deutschland hängt in Deutschland in besonderem Maße von der sozialen Herkunft ab. Dieser Befund wird zwar in jedem Jahr aufs Neue festgestellt, es gibt aber keine wesentlichen Fortschritte“, kommentiert Tayfun Keltek, Vorsitzender des Landesintegrationsrates. Dazu gehört auch, dass die Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund zu großer Sorge Anlass geben. Ein Blick in die Zukunft zeigt, dass die Migranten quantitativ die Schulen in Deutschland wesentlich bestimmen werden: Während aktuell 20 % der Menschen, die in Deutschland leben, einen Migrationshintergrund haben, sind es bei den Kindern unter fünf Jahren 35 %. Grund genug also, dass sich das Bildungssystem intensiv mit dieser Frage befasst und nicht darauf hofft, dass die Eltern es schon richten werden.
„Experten fordern besseren Schulunterricht“ titelt der Kölner Stadtanzeiger von heute. Damit wird der Finger in die entscheidende Wunde gelegt. Obwohl ein erfolgreiches Lehren und Lernen in mehrsprachigen Klassen an vielen Stellen bereits praktiziert wird, wird es nicht systematisch und flächendeckend umgesetzt. Das hängt auch mit der „Ermöglichungspolitik“ der Landesregierung zusammen, die sich vor klaren Zielsetzungen und Maßnahmen drückt und die Schulen überfordert. Folgende Tatsachen sind bekannt:

Ein Kernproblem bleibt das selektive Schulsystem. Die Selektierung der Kinder nach Ablauf der Grundschule auf die verschiedenen Schulformen der Sekundarstufe bleibt ein Skandal. Es ist oft genug nachgewiesen worden, dass dieses Verfahren der Entwicklung der Kinder nicht gerecht wird. Bei den Migrantenkindern kommt hinzu, dass der Übergang in die Sekundarstufe vielfach mitten im Erwerbsprozess der deutschen Sprache erfolgt. Sie werden nach ihrem aktuellen Sprachvermögen, nicht aber nach ihren Entwicklungsmöglichkeiten beurteilt.
„Wenn nicht nur in Sonntagsreden, sondern auch in der Praxis verhindert werden soll, dass Schule beiträgt zu einer Vertiefung der sozialen Spaltung in Deutschland, dann ist die Überwindung des gegliederten Schulsystems durch eine Ausweitung des gemeinsamen Lernens notwendig“, sagt Keltek. Beim Blick auf die Migranteninnen und Migranten brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Die Defizitbetrachtung muss ein Ende haben. Vielmehr gilt es die besonderen Fähigkeiten zu berücksichtigen.
Mehrsprachigkeit und die Fähigkeit, sich in unterschiedlichen Kulturen bewegen zu können, sind großartige Kompetenzen, die ausgebaut werden müssen. Hier liegen große Chancen, die im Interesse der betroffenen Kinder und Jugendlichen und der gesamten Gesellschaft aufgegriffen werden müssen. „Was fehlt sind vor allem gezielte Maßnahmen, um die Lehrkräfte in die Lage zu versetzen, das Lehren und Lernen in mehrsprachigen Klassen erfolgreich zu gestalten. Darauf sollte der Fokus in den kommenden Jahren liegen“, fügt Keltek hinzu.
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